Abteilung Historische Anthropologie und Humanökologie

Prof. Dr. Bernd Herrmann

Die Abteilung Historische Anthropologie und Humanökologie untersucht und rekonstruiert Mensch-Umweltbeziehungen im historischen Wandel. Neben Fragen der Ressourcennutzung durch Ernährungs- und Siedlungsstrategien und ihren Folgen für die Diversität pflanzlicher und tierischer Organismen stehen Wechselwirkungen mit der genetischen Ausstattung historischer Menschen im Zentrum des Interesses (Coevolutionen). Im Zusammenhang mit genetischer Drift, Selektion und Heterozygotenvorteilen sind historische Seuchenzüge (z.B. Pest, Cholera, Syphilis) und die Erforschung von Lebensumständen bedeutsam. Schwerpunkte der molekulargenetischen Arbeiten sind Entwicklung, Anpassung und Optimierung von Analysestrategien für alte DNA. Fragestellungsorientiert wurden Untersuchungen an historischem und prähistorischem Skelettmaterial und histopathologischen Präparaten zur Rekonstruktion von Verwandtschaft auf genealogischem und populationsweitem Niveau, zum Nachweis von Krankheitserregern aus der Blutbahn sowie zum Nachweis immungenetisch und pathologisch relevanter Marker (z.B. CCR5-delta32, ABO-Blutgruppenallele, Tumorsuppressorgen p53) durchgeführt. Durch Etablierung spezieller Untersuchungsstrategien und -techniken für alte DNA besteht Zugriffsmöglichkeit auf die genetische Ausstattung und damit auf die genetische Variabilität des menschlichen Immunsystems historischer Bevölkerungen.

Im Laufe der 90er Jahre gelangen die ersten erfolgreichen PCR-gestützten Darstellungen mitochondrialer DNA und chromosomaler DNA aus verschiedenen biogenen Quellenmaterialien, darunter historische Skelettmaterialien sowie museale zoologische und botanische Sammlungsbestände (s. Beiträge in Herrmann und Hummel 1993). Seit dieser Zeit hat sich die „Ancient DNA“- Analytik rasch in zahlreiche andere spezifische Forschungszweige hinein entwickelt. So wurden zentrale Aspekte der Stammesgeschichte des Menschen (z.B. Krings et al. 1997, Ovchinnikov et al. 2000), spezielle Fragen des Naturschutzes (z.B. Pertoldi et al. 2001) und Einzelfalluntersuchungen in der Geschichtsforschung (z.B. Jehaes et al. 2001) aufgegriffen. Zahlreich sind die Anwendungen in der Kriminaltechnik und solche vor politisch-völkerrechtlichem Hintergrund (z.B. Marjanović et al. 2009). Im Bereich der Paläoepidemiologie, einem der vielfältigen archäologisch-anthropologischen Kontexte (vgl. auch Literaturliste der Arbeitsgruppe), gelangen Nachweise von Tuberkulose-, Lepra- und Pesterregern aus historischem Skelettmaterial (s. Beiträge in Greenblatt und Spigelman 2003). Ebenfalls in die historische Dimension konnten molekulare Nachweise genetisch determinierter Erkrankungen vordringen, neben Chromosomopathien (Tönnies et al. 1998) wurden aus historischem Skelettmaterial genetische Abweichungen nachgewiesen, für die ein Heterozygotenvorteil gesichert ist (Sichelzellanämie; Faerman et al. 2000) oder aber vermutet wird (Mukoviszidose; Bramanti et al. 2003). In der medizinischen Grundlagenforschung wurden histopathologische Sammlungen von Beginn an als wertvolle genetische Archive erkannt und sowohl in größeren Studien als auch in der Kasuistik genutzt. Neuere Arbeiten belegen, dass der aus histopatholgischen Präparaten zu erzielende Informationsgewinn durch Verknüpfung, Anpassung und Optimierung molekularer Techniken noch bedeutend ausgeweitet werden kann (z.B. Junker et al. 2003; Bonin et al. 2003). [40008]



Projektpartner
Dermatologie, Venerologie und Allergologie
Genetische Epidemiologie
Hämatologie und Onkologie
Humangenetik
Zelluläre und Molekulare Immunologie
Klinische Pharmakologie
MPI für Biophysikalische Chemie
Pädiatrie
Physiologie & Pathophysiologie

Projekte
Pharmakogenomik maligner Lymphome
DNA-Reparatur und Kanzerogenese
Zytokine und Signalwege
Historische Anthropologie
Murine Tumor-Tiermodelle
Hitzeschockprotein-Rezeptoren
Biotransformation und Membrantransport Polymorphismen
Biophysikalische Untersuchung biologischer Makromoleküle
Genetische Anomalien des Neuroblastoms
Transporter für Tumortherapeutika